MENSCH, WAS NUN?
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  "NEU" (2010): Öko-Psycho-BLOG
vom Psychiater und Psychotherapeuten Andreas Meißner

2010: Alle Welt schreibt einen Blog. Ich schließe mich an. Wird zwar sicher wenig gelesen. Aber manchmal doch. So habe ich es beim Buch "Mensch, was nun?" erlebt. Schreiben erleichtert. Und die Gedanken werden dabei sortiert. Ich werde dadurch etwas los. Das allein ist es wert. Ich publiziere sie auf utopia.de und gebe unten die Links dazu an. 2017: Ende des Blogs:

(...): 11.06.2017: Burnout von Mensch und Erde - Wie Psychologie und Psychotherapie beiden helfen können.
  Mit dem Hinweis auf diese Tagung am 06.10.2017 endet dieser Blog hier endgültig. Für Informationen und Anmeldung bitte hier klicken!
Der Blog selbst ist umgezogen auf oeko-psycho.de, wird aber auch dort gegenwärtig nur spärlich betreut, da ich eigentlich keine so große Lust habe auf dieses oft nutzlose Ringen um Aufmerksamkeit im Netz -  und: zu viel Zeit vor dem Bildschirm statt in der Natur!

(13): 12.01.2011: Wie Anormales ganz normal wird - Die lähmende Wirkung von Gewöhnung und Totstellreflex 
  zu lesen hier!

(12): 23.11.2010: Nein zu Stuttgart 21 und Olympia 2018 - KEIN Zeichen für eine depressive Gesellschaft!
  zu lesen hier!

(11): 26.10.2010: Keine Chance - gut genützt, oder: leben mit der angstvollen Traurigkeit. Gedanken nach dem Tod von Hermann Scheer
  zu lesen hier!

(10): 05.08.2010: Wertvolle Beziehungen für die Umwelt
  zu lesen hier!

(9): 23.07.2010: Es gibt kein Zurück zur Natur – und dies macht Angst!
  zu lesen hier!

(8): 10.06.2010: Der fatale Glaube an die Machbarkeit – oder: Die Größenideen des Menschen 
  zu lesen hier!

(7): 14.05.2010: Verdrängung oder Verzweiflung? – Die psychischen Auswirkungen der Umweltdauerkrise 
  zu lesen hier!

(6): 08.04.2010: Schmerzhafte Veränderungen durch die Ökokrise? – Hoffentlich bald!
  zu lesen hier!

(5): 12.03.2010: "Naturdefizitstörung" - d i e psychische Krankheit unserer Zeit?
  zu lesen hier!

(4): 09.02.2010: Pflanzen sind intelligent und Moral braucht keine Religion – retten uns Erkenntnisse der Wissenschaft?
 zu lesen hier!

(3): 29.01.2010: Ökokrise überall – alle wissen es, kaum einer tut was. Warum? 

Die Fakten sind bekannt: der Klimawandel wird wohl zu mehr als zwei Grad Erwärmung in diesem Jahrhundert führen; ein Wandel also, wie ihn die Natur ohne menschliches Zutun nie so schnell schaffen würde. Die weltweite Ölförderung hat wohl schon ihren Höhepunkt überschritten, das Artensterben schreitet rapide voran, Wasserknappheit droht in vielen Ländern dieser Welt.

  Viele Engagierte sind frustriert, weil so wenig dagegen getan wird, weder vom Einzelnen (der Nachbar fliegt weiter in Urlaub oder fährt einen SUV), noch von der Weltgemeinschaft (siehe Kopenhagen). Woher kommt diese Kluft zwischen Wissen und Handeln?

  Mich als Psychiater und Psychotherapeut, interessieren diese Fragen besonders, und ich habe daher ein Buch zur psychischen Bewältigung der ökologischen Krise herausgebracht:
„Mensch, was nun? Wie wir der ökologischen Krise begegnen – können“

  Ein paar Gedanken hier wenigstens dazu: der Klimawandel und andere Ökoprobleme sind noch zu weit weg, zeitlich und räumlich gesehen, sie sind zu abstrakt, zu wenig noch hier in unseren Breiten konkret zu spüren. Das bringt auch mich immer wieder dazu, ganz bequem nichts zu tun. Schade, dass der Klimawandel nicht stinkt: auf Sinneserregungen oder Ekel wird eher reagiert. Stünde ein Diktator dahinter, gäbe es viel eher Anlass zu Protest und Systemumsturz. So aber scheint alles erst in irgendeiner späteren Zukunft, wenn überhaupt, auf uns zuzukommen, so wie sonst ja auch gerne die Lösungen für Probleme in die Zukunft verschoben werden.

  Da werden Milliarden für die Finanzkrise ausgegeben, die von zukünftigen Generationen erst erarbeitet werden müssen, da werden seit Jahrzehnten Brennstäbe in AKW’s abgebrannt, ohne dass man weiß, wohin mit dem radioaktiven Müll. Ein neuer, junger deutscher Gesundheitsminister will die Gesundheitsprämie einführen, und setzt bei der nötigen Finanzierung von über 20 Mrd. Euro auf zukünftige Steuereinnahmen durch zukünftiges Wachstum, als ob diese Milchmädchenrechnung jemals funktioniert hätte (solcher Dilettantismus regt mich in meiner Alltagsarbeit besonders auf!).

  Und: so wie die Wikinger bei ihrem Abenteuer in Grönland vor Jahrhunderten kulturell an ihrem christlichen Glauben festgehalten und in unpassender Umgebung wieder Kathedralen errichtet haben, stattdessen aber das naheliegende Nahrungsmittel Fisch verschmähten und daher dort – im Gegensatz zu den Inuit – untergingen (siehe „Kollaps“ von Jared Diamond), wird uns das Festhalten am Statussymbol Auto heute wohl zur gleichen Anpassungskrise führen.

  Noch viel mehr Faktoren gibt es: die Einfachheit unseres zentralen Nervensystems, das nach Wahrscheinlichkeiten und schon gemachten Erfahrungen rechnet, und vor allem die Verdrängung und Verleugnung, die natürlich den Zweck haben, Angst und Besorgnis sowie einen Konflikt mit unserer Alltagsgestaltung zu vermeiden. Da nützt es dann auch nichts, wenn ich als Ökoengagierter trotzdem in Urlaub fliege, mich dabei mit dem Wissen um die Problematik aber besser fühle als die vermeintlich ignoranten Mitflieger: der Umweltschaden ist der gleiche. 

  Das Bedürfnis aber, zur Mehrheit in der Gesellschaft, grundsätzlich zu einer Gruppe zu gehören, ist aber groß. Auch das verhindert oft den Mut, nötigenfalls als Sonderling zu gelten (wie meinte ein Kollege zu meinem geäußerten schlechten Gewissen angesichts des wohl letzten Flugs meines Lebens, 2006 nach Mallorca: „Was, um so etwas machst Du Dir Gedanken?“).

  Wen näheres dazu interessiert, auch zur Frage, wie man aufkommenden Frust und Lähmung bei diesen Themen bewältigen kann, der möge sich das Buch ansehen (Link siehe oben); es ist ein non-profit-Buch, daher hier auch etwas Werbung dafür, zumal die Rückmeldungen dazu sehr ermutigend und positiv sind. 

 

(2): 20.01.2010: "Gibt es eine ökologische Depression?"

Im vergangenen Sommer habe ich, tätig als niedergelassener Psychiater und Psychotherapeut, ein Buch zur psychischen Bewältigung der ökologischen Krise herausgebracht:

„Mensch, was nun? Wie wir der ökologischen Krise begegnen – können“

  Mittlerweile darf ich gelegentlich auf Vorträgen etwas dazu erzählen. Abgesehen von den fruchtbaren Diskussionen dabei freut mich dies auch deshalb, weil sich Verlage und Zeitungen mit dem Manuskript bzw. dem dann fertigen Buch sehr schwer getan haben. „Öko“ und „Psycho“ gleichzeitig? Das ist dann doch zuviel an problematischen Themen, von denen keiner gerne etwas hören will und die daher meist weggeschoben werden – denn es könnte ja sein, dass sie einen doch betreffen.

  Gerne stelle ich bei einem solchen Vortrag folgende Eingangsfrage:

„Glauben Sie, unsere Kultur würde sich freiwillig zu einer vernünftigen und nachhaltigen Lebensweise bekehren?“.

  Die Antwort zumeist: betretenes Schweigen. An dieser Stelle könnte ich den Vortrag im Grunde gleich wieder beenden, denn es ist alles gesagt: eine bewusst vollzogene Revolution zur viel beschriebenen Nachhaltigkeit erscheint unwahrscheinlich, die ökologische Krise wird also weiter voran schreiten, es muss wohl erst zu schmerzhaften Einschnitten kommen – und das löst Frust aus, Resignation, eine depressive Stimmung, und daher auch Schweigen.

  Natürlich geht der Vortrag nach dieser Einstimmung erst richtig los, aber die Frage eines Studenten, ob es denn eine ökologische Depression gibt, erscheint berechtigt. Ja, es gibt sie, aber nicht so, dass jemand zu mir in die Praxis kommt und sagt: „Hören Sie, ich bin traurig und habe keinen Antrieb mehr wegen all dieser ökologischen Probleme“. Schaut man sich die Verdrängungsmechanismen vieler an sowie die Ohnmachtsgefühle und das Unbehagen, was viele Menschen heute aber verspüren, sind durchaus Millionen von der „ökologischen Depression“ betroffen.

  Bisher äußert sie sich nur indirekt: Mitarbeiter der France-Telecom begehen Selbstmord, ähnlich auch überlastete Arbeiter in Japan, hier bei uns kommen immer mehr Menschen mit Klagen über zunehmenden Arbeitsdruck, plötzliche oder drohende Kündigungen, Konflikte mit Vorgesetzten, belastende Zeitnot und Hektik durch Mobilität, mit Klagen über Schlafstörungen und ähnlichem in die Praxis. All dies ist auch ein Ausdruck der veränderten Arbeits- und Lebenswelt seit der Industrialisierung – und die hat uns auch die Ökokrise gebracht, und gleichzeitig auch durch Vereinzelung, Wegfall von Ritualen und Geselligkeit sowie auch Sinnentleerung der Arbeit eine Zunahme von Depressionen. Da schließt sich der Kreis. Also benötigen wir eine spezielle „antidepressive Behandlung“ für diese Ökodepression. Daher nochmals der Hinweis auf das Buch (ein non-profit-Unternehmen von mir).

  

(1): 07.01.2010 – „Tempo ist jetzt das wichtigste“ – doch wofür?

 „Schnell sein ist alles“ – das propagiert der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Hans-Jörg Bullinger, in der Außenansicht der Süddeutschen Zeitung am 5. Januar, immerhin auf Seite 2. Er weist darauf hin, dass vor allem die chinesische Industrie dabei ist, uns Europäer zu überholen, etwa was Elektroautos und Solarkollektoren betrifft. „Tempo ist jetzt das Wichtigste“, meint er. Die Phasen des Festhaltens am Bewährten seien – wenn überhaupt – sehr kurz. Sieger sei, wer Ideen am schnellsten in Nutzen für Kunden umsetze. Der Innovationsdruck nehme zu, und gleichzeitig das Risiko (immerhin, darauf weist er am Rande hin). Doch Geschwindigkeit müsse beherrscht werden.

  Das ist schon interessant. Da fordert ein Mitglied unseres Wirtschafts-Establishments, doch mehr aufs Gas zu drücken, noch schneller zu rasen (… und damit noch schneller den Karren unseres Wirtschaftswahnsinns gegen die Wand zu fahren, woran er aber sicher vorher noch gut verdient), meint aber, dies dann doch noch beherrschen zu können.  Von Entschleunigung, der Kraft der Langsamkeit, der Notwendigkeit, Einführungen zu reflektieren, um Folgeprobleme klein zu halten, von alldem hat er offenbar noch kaum etwas gehört. Stattdessen erfolgt weiter die Proklamation von Konkurrenz und Power

  Das passt zum „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“, das dieser Tage im Bundestag verabschiedet wurde. So nachhaltig und klimafreundlich sich die Kanzlerin gerne in Kopenhagen oder ihrer Neujahrsrede gibt – es bleiben Floskeln, die das starre Festhalten am alten System verschleiern, ja vielleicht bewusst verschleiern sollen. Da nimmt sie sich einen jungen, noch nicht mal 40-jährigen Gesundheitsminister ins Kabinett, der die Umstellung des Gesundheitssystems auf eine einheitliche Kopfprämie (per se schon unsinnig: wieso soll der besser verdienende Angestellte nur genauso viel in die Krankenversicherung einzahlen wie der einfache Arbeiter?) mit zukünftigem Wachstum und dadurch irgendwann erzielten Steuereinnahmen finanzieren will.

  Geht's noch? Dieser ungedeckte Scheck auf die Zukunft: das wird doch seit Jahrzehnten schon erfolglos praktiziert! Oder woher kommt sonst der stetig wachsende Schuldenberg? Leidet da jemand an Wachstumswahnvorstellungen? (Definition von Wahn: das unkorrigierbare Festhalten an falschen Tatsachen)

  Warum muss ein „Weniger und Langsamer“ immer so negativ klingen?  Gerade in der zurückliegenden ruhigeren Zeit haben wir das doch auch genossen. Es täte auch sonst unserer inneren Unruhe so gut, mal weniger „innovativ“ zu sein, also nicht ständig etwas neues zu beginnen, ohne das alte abgeschlossen und verarbeitet zu haben.

  Vielleicht ist aber Bullinger nur ein verkappter Grüner, der indirekt die möglichst schnelle Einführung klimafreundlicher Elektroautos und Sonnenkollektoren einführen will? Er traut sich das nur nicht so sagen, denn sonst wird er ja – wie andere Grüne und ökologisch Besorgte – am Ende nicht ernst genommen? Schön wär’s.
Denn auch die schönsten Ökoprodukte verbrauchen Ressourcen und Energie, und verkaufen uns die Illusion, dass wir ja an unserem Lebensstil von Konsum, Mobilität und Wachstum nichts ändern müssen. So lange wir aber am „falschen Wirtschaftssystem“ festhalten, ändert sich insgesamt gar nichts – und auch das stand kürzlich in der Süddeutschen Zeitung, leider nur in einem hinteren Zeitungsteil!

 

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* Foto: Jonicore / Quelle:www.photocase.de