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Ein Auszug aus der aktuellen Ausgabe, Ausgabe 5, vom 27.06.2008

„Das Ende - Von der heiteren Hoffnungslosigkeit im Angesicht der ökologischen Katastrophe“

 

Dieses Buch von Gregory Fuller ist DAS Werk, wenn man die ökologische Krise verstehen will. Es sei jedermann dringend zu Lesen empfohlen, leider ist es nur noch über Antiquariate oder private Anbieter etwa bei Amazon zu bekommen. Es hat nur 126 Seiten, ist in ein bis zwei Tagen rasch und für seinen geistigen und philosophischen Gehalt auch leicht zu lesen. Ich stelle es hier sehr ausführlich dar, da sonst die Gedankengänge vielleicht unklar bleiben würden und einfach auch, weil es in sich zwingend logisch ist. Die Unterüberschriften und meisten Fett- und Kursivgestaltungen sind von mir. Zur weiteren Verdeutlichung eingestreut sind Kästen mit Zitaten anderer Autoren, die auf anderen Wegen zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen.

Erstmals erschien das Essay des 1948 geborenen Gregory Fuller, Philosoph, jetzt tätig als Verlagsredakteur, 1994 im Ammann-Verlag Zürich, dann 1996 in der Reihe „Geist und Psyche“ im Fischer Taschenbuch Verlag.

 

Sinn des Lebens?

Zunächst stellt er fest, dass ein Biologe den Sinn des Lebens wohl darin sehen würde, Leben zu reproduzieren. Aber wenn nun, nachdem wir die Erde in eine durchchemisierte Plantage verwandelt hätten, die Dominanz einer Spezies allein zum raschen Ableben aller führe, dränge sich die Hinterfragung des Sinns generell auf. Er meint: „Vielleicht wird uns die Einsicht in unsere Fehler helfen, den Sinn neu zu definieren und damit die ökologisch sich abzeichnende Katastrophe angemessen zu begreifen.“ Dabei gehe es weder um distanzierte Aufgeklärtheit, noch um seichten Pessimismus, auch nicht darum, die Haltung des Verbitterten sich zu eigen zu machen.

Leibniz hätte zu Beginn der Neuzeit von einer sinnreichen, gottgewollten Universalordnung gesprochen. Fuller spricht dabei die heutige Refanatisierung durch den Islam im Osten an, im Westen dagegen kapituliere man vor dem Christentum: eine Reaktion auf die Haltlosigkeit, auf die soziale Zerstäubung der Menschen, auf die ökologische Zerstörung, die offenbar geworden sei.

Andere, denen die Weltreligionen zu dogmatisch oder verbrecherisch seien, würden dagegen sich mystischer und esoterischer Erfahrung anschließen. Man übersehe aber dabei die Unwiederbringbarkeit mystischer Erfahrung, längst sei sie uns abhanden gekommen: „Zeitgenössische Sehnsuchtssprünge in den Mutterkuchen zurück beweisen lediglich ihre Künstlichkeit“.

Ironisch merkt er an, um wie viel klarer dagegen die gute alte europäische Vernunft sei, und, dank Kant, auch selbstkritischer als die ideologiegesättigten Religionen. Der Vernunftmensch wisse, dass von den drei Ideen Kants – Gott, Freiheit und Unsterblichkeit – nur die Freiheit der menschlichen Erfahrung zugänglich sei. Aber was ist Freiheit, denke man an Auschwitz, den Gulag, die chemiedurchtränkte Welt und die beispiellosen Völkermorde an Urvölkern?

Man werfe also die großen Sinnentwürfe über Bord und suche einen näher liegenden Sinn: Selbstentfaltung des Lebens, Glück, innere Ruhe, das Leben der anderen, der Angehörigen, das eigene Leben erhalten, Ziele erreichen, Sozialstatus gewinnen, ein Haus besitzen, viel reisen und viel Geld zusammenzuraffen. Je diesseitiger die Liste werde, desto erbärmlicher. Der gewinnbringende Schluss des Opportunisten aus dem universalen Sinnmangel laute: „rette ich nichts und erreiche ich nicht alles, dann gelingt mir wenigstens etwas“.

Die Krux des Sinns liege letztlich in seiner Beliebigkeit, die Sinnsetzung sei subjektiv. Das Universum wiederum wäre demnach weder sinnlos noch sinnvoll, es sei neutral, was sich also aus der eigenen Sinnsetzung nicht ableiten lasse:

 

„Die Neutralität des Universums und des Lebens erwartet nichts und bekommt nichts. Das Universum ist und ist nur. ... Denn durch die Neutralität des Seins erübrigt sich jede Metaphysik, jede Religion, erübrigen sich Projektionen, enttäuschte Hoffnung und Verbitterung. ... Im Prinzip Akzeptanz hingegen nehme ich das Seiende an, ohne zu werten und ohne etwas zu erwarten, ja, ohne zu hoffen. ... Aus der Seinsneutralität folgen nicht notwendigerweise Nihilismus, Hoffnungslosigkeit, Absurdität oder ein Absturz in die Bodenlosigkeit: Es folgt überhaupt nichts“.

 

Wir sind also bei den existentialistischen Themen angelangt. Natürlich liege es in der psychisch-metaphysischen Konstitution des Menschen, zu hoffen und zu erwarten. Aber die Sinnneutralität stehe nackt da. „Die helfende Sinnschenkung, auf dass wir die ökologisch sich abzeichnende Katastrophe besser begreifen und ihr vielleicht entgegenwirken können, bleibt aus. Keine Orientierung, kein Halt, keine Antwort, keine Hilfe im Angesicht der ökologischen Endzeit. … Das Universum ist, wie es ist, und der Homo sapiens tritt kurz auf und dann wieder ab“.  

Naturentfremdung des Menschen

Es kündige sich ein furioses Finale an: Ozonloch, Klimawandel, Wüstenbildung, weltweite Entwaldung, Oberflächengewässer- und Grundwasserverseuchung, schleichende Nahrungsmittelvergiftung und Erbschädigung, Folgen der Kernspaltung und Genmanipulation: wir würden die systematische Zerstörung der Bio- und Atmosphäre betreiben, mit atemberaubendem Tempo. Der anmaßende Mensch, der Gott sein will? Fuller zitiert hierzu Montaigne. Oder aggressives Verhalten im Sinne von Konrad Lorenz? Oder das zu schnell entstandene Großhirn, dessen Verbindung zum Stammhirn nicht recht funktioniert?

Aber auch mit Großhirn verlief die Menschheitsentwicklung jahrzehntausendelang, in Paläolithikum (ca. vor 80.000 Jahren) bis zum Neolithikum, der Jungsteinzeit (ab der Zeit vor ca. 9000 Jahren), im Einklang mit der Natur. Hier sei der Mensch von der aneignenden Wirtschaftsweise der Jäger und Sammler zu einer neuen Wirtschaftsform übergegangen, vom Erbeuten der Nahrungsmittel zur Produktion. Damit hat sich dann über Jahrtausende hinweg das Verhältnis des Menschen zur Natur und untereinander radikal verwandelt: „Erst gab die Natur, und der Mensch nahm. … Nun bestimmte er, was er wollte, nun genügten die einfachen Gaben der Natur nicht mehr, jetzt musste die Natur mehr hergeben, als sie zu verschenken bereit war“. Und in den spätneolithischen Stadt- und Staatgesellschaften entdeckte man, dass andere Menschen als Mittel zum Zweck wirtschaftlicher Mehrung zu gebrauchen waren. Mensch und Natur ließen sich gut ausbeuten: Sklaven, Gefangene, Flüsse, Seen, Felder, Wälder (z.B. die verheerende Entwaldung des gesamten Mittelmeerraums in der Antike): „Die Erinnerung an eine Mitwelt, in die sich der Mensch eingebettet fühlt, als Teil eines natürlichen Ganzen, verblasst“.

Trotz brutaler Kriege, Seuchen und Pestilenz: die Bevölkerungszahl wuchs stetig. Es würden folgen die Trennung des Denkens von der Körperlichkeit durch Descartes im 17. Jahrhundert, mit daraus resultierender Selbstentfremdung. Galilei habe dann mit der klassischen Mechanik das Vorbild der modernen Wissenschaft geschaffen: „Die in ihren Gesetzen scheinbar verständliche Materie verkam zum Experimentierobjekt“. Newton, Descartes und Leibniz hätten noch auf Gott zurückgreifen müssen, um die gut und immer besser funktionierende Welt zu erklären. Die metaphysikfeindliche Aufklärung habe nun einen neuen Gott geschaffen, den Verstand von der Vernunft getrennt und letztere zur ideologischen Rechtfertigung unserer Spezies erhoben. Der Vernunftglaube habe Lebenssinn geschenkt, den Sinn auch, an den Fortschritt zu glauben.

Aber eigentlich habe es nur den Verstand gegeben: „nackt, dynamisch, gierig“. Der wirtschaftliche Erfolg habe der Ratio recht gegeben. Rationales und immer systematischeres Handeln habe nach Horkheimer die natürliche Selektion allmählich ersetzt. Die rationalisierte Produktion habe, scheinbar, ihren Höhepunkt in der Industriellen Revolution erreicht. Aber die Naturbeherrschung gehe Hand in Hand mit der Naturentfremdung: „Ohne uns dessen bewusst zu sein, scheint mir, hassen wir Spätkultur-Menschen die Natur aus tiefster Seele, und wir glauben aufrichtig, dass wir sie lieben. Seinen Sklaven jedoch liebt man nicht. Man herrscht über ihn und fürchtet sein Aufbegehren.“

Angenommen, die Geschichte des Homo sapiens habe vor 100000 Jahren eingesetzt. In 98000 Jahren sei die menschliche Erdbevölkerung lediglich auf 250 Millionen Menschen gewachsen. Um 1500 habe die erste Verdoppelung stattgefunden, die nächste habe nur 300 Jahre benötigt, die erste Milliarde war erreicht. Trotz leicht gebremsten Wachstums: jetzt sind es 6,6 Milliarden, für 2050 werden 9 Milliarden erwartet. An dieser Stelle weist Fuller nun auf die bekannten Folgen hin: weitere, kaum mehr machbare, landwirtschaftliche Intensivierung, Hungerkatastrophen, Müllberge, Zersiedelung der Landschaft, Verbrauch des Bodens und des Wassers, steigender Energieverbrauch, rapide Zunahme von CO2 durch Verbrennung fossiler und nichtfossiler Stoffe, Klimawandel, Auswirkungen des Ozonlochs mit Zunahme schädigender UV-Strahlung weit über 2100 hinaus, Entwaldung der Welt. Über 40 Prozent der Regenwälder, die die Erde noch 1950 bedeckt hätten, seien inzwischen verschwunden. Obwohl sie nur 7 Prozent der Landfläche bedecken würden, würden in ihnen zwischen 50 und 80 Prozent der Tier- und Pflanzenarten leben. Um 1900 sei bereits eine Art pro Jahr ausgestorben, jetzt (90er Jahre!) seien es eine Art pro Jahr. Was in Jahrmillionen gewachsen sei, werde in wenigen Jahrzehnten liquidiert. Sein Zwischenfazit:

 

„Der technologisch hochgerüstete Mensch hat jeden Respekt vor der Mitwelt verloren, weil er keinen natürlichen Bezug mehr dazu hat. Dieses Faktum ist unbestreitbar und impliziert, dass wir mit einer gewissen Zwangsläufigkeit vernichten müssen, da wir nichts anderes kennen, nichts anderes können“.

... Fortsetzung des Textes in Ausgabe 5 von "Zukunft und Grenzen"

 

- Zukunft und Grenzen-Ausgabe 5.pdf vom 27.06.08

* Foto: Jonicore / Quelle:www.photocase.de